Auf den Spuren alter Kulturen und heiliger Städte / Teil 7
von Maik Kunzelmann

Die gigantische Menge an Schriften, Büchern und Artefakten, die das Museum des Tibet House beherbergt, gibt auch jenen Ereignissen Raum, die im Jahre 1959 zur Flucht des Dalai Lama nach Indien führten. Ein düsteres Kapitel in der Geschichte des Buddhismus, das in seiner Leidensrelevanz einerseits den buddhistischen Weisheiten gleichkommt, andererseits dem Dalai Lama aber eine Rolle abverlangt, die eigentlich nicht seinem Wesen entspricht…

VISU_Blog_Buddh_MöncheAnstatt seiner Bestimmung von der Weltabkehr zu folgen und sich auf seine spirituelle Entwicklung zu konzentrieren, ist der Dalai Lama seither zu einer populären Person geworden, die das stille Kloster mit Flugzeug und Massenveranstaltungen getauscht hat. Wie sehr seine Mission zur Befreiung Tibets dabei noch eine Zukunft hat, mag strittig sein. Unstrittig aber, so der Leiter des Tibet House Geshe Damdul bei meinem Besuch, sei seine Wirkung auf die weltweite Entwicklung des modernen Buddhismus. Den Initiativen des Dalai Lamas sind dabei nicht nur die Existenz des Tibet House in New Delhi zu verdanken, sondern insgesamt auch das weltweit gesteigerte Bewusstsein der Menschen zu mehr Frieden, Mitgefühl und Toleranz.

Zunehmende Bedeutung des tibetischen Buddhismus

Quer durch alle Religionen erweist man mit dem Dalai Lama heute einer Philosophie die Ehre, die um 760 n.Chr. in Tibet mit einer großen Verbreitungswelle zunehmende Bedeutung gewann. Nachdem der chinesische Einfluss in den folgenden Jahrhunderten zunächst wieder zunahm, gelang es Tibet Ende des 19. Jahrhunderts sich unter der politischen und geistlichen Führung des Dalai Lama davon zu befreien, während man sich gleichzeitig von der Außenwelt abkapselte. Im Jahre 1914 beschlossen Indien, Großbritannien und Russland die Unabhängigkeit Tibets, die von China aber nie anerkannt wurde. Tibet wurde geteilt, das nördliche “Innere Tibet” kam zu China, das Hochland “Äußeres Tibet” wurde von der Hauptstadt Lhasa aus formal als indirektes britisches Protektorat unabhängig verwaltet.

Von der Autonomie zur Massenflucht

VISU_Blog_Tibet_mapNach dem Sieg der Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg drangen Ende Oktober 1950 chinesische Soldaten in Tibet ein, wobei ihnen die nur 10.000 Mann starke tibetische Armee wenig entgegensetzen konnte. In den folgenden Jahren, in denen Tibet seine Autonomie und der Dalai Lama seine geistliche und politische Funktion behielt, kam es nach einer Vielzahl unmenschlicher Ereignisse, wie Zwangsarbeit, Auflösungen von Klöstern und Umsiedlungsprogrammen zu einem Guerillakrieg, bei dem tausende Tibeter getötet und gefangen genommen wurden. Weitere Tausend Tibeter flüchteten in die Nachbarländer, so wie 1959 auch der Dalai Lama.

Viel Gehör und Aufmerksamkeit

LEH, INDIA - AUGUST 5, 2012: His Holiness the 14th Dalai Lama giDer mit fünfzehn Jahren zum geistigen und weltlichen Oberhaupt Tibets ernannte Dalai Lama versucht seither aus dem Exil auf vielen Wegen, das Los der Menschen in seiner Heimat zu verbessern. Vom indischen Dharamsala aus rief er eine Exilregierung ins Leben mit einem Exilparlament, einem Kabinett und anderen demokratischen Institutionen. Seitdem, und besonders als Friedensnobelpreisträger des Jahres 1989, versuchte er in Verhandlungen mit der chinesischen Regierung eine echte Autonomie und Selbstverwaltung für Tibet zu erlangen. Doch trotz weitgehender Konzessionen, die er durch seine Politik des Mittleren Weges machte, war Peking nicht an einem Dialog interessiert.
 Es folgten viele Gespräche zwischen Vertretern des Dalai Lama und der chinesischen Regierung, ohne dass es zu Veränderungen in Chinas Haltung zu Tibet kam. Im Jahr 2001 wählten die Exiltibeter auf Betreiben des Dalai Lama mit Professor Samdhong Rinpoche ihren ersten Premierminister. Auch wenn er sich im Frühjahr 2011 schließlich von allen politischen Ämtern in der Exilregierung zurückzog und die politischen Geschicke ganz in die Hand der demokratischen Institutionen legte, erhält der Dalai Lama auf seinen Reisen durch die Welt bis heute viel Gehör und große Aufmerksamkeit.

Fotos: i-stock – Mitarbeit: Rüdiger Lehmann

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