Maik Kunzelmann auf den Spuren alter Kulturen und heiliger Städte / Teil 9

Tempel, Götter, heilige Rituale. Es war die ganze Vielfalt der großen Weltreligionen, die Maik Kunzelmann auf seiner Indienreise begegnete. Das, was wir tagtäglich über Religionskriege, Glaubenskonflikte und Zerwürfnisse auf der ganzen Welt erfahren, zeigte ihm in Indien ein eher tolerantes Gesicht. Dass wir nach einer solchen Reise dennoch nicht den Blick für die weniger angenehmen und oft herausfordernden Umstände in Indien verlieren dürfen, erklärt Maik Kunzelmann im folgenden Gespräch mit Co-Autor Rüdiger Lehmann.

IMG_8620n1Was bedeutet die Indienreise für das Visuprojekt Institut?

Maik Kunzelmann: Grundsätzlich hat sich mein Blick auf interreligiöse Zusammenhänge erweitert. Ich sehe heute vieles anders und auch klarer. Dabei konnte ich viele Kontakte zu Indern knüpfen, speziell zu indischen Studenten, die ich pflege und aufrechterhalte. Was genau daraus wird, kann ich konkret heute noch nicht sagen, wir sind nach allen Seiten offen. Gerade gestern erst hat mich ein Bekannter aus Indien angerufen, der sich interessanterweise nach den bosnischen Pyramiden erkundigt hat, ein Thema das wir schon seit längerem im Institut verfolgen und das mit Indien auf den ersten Blick nicht viel zu tun hat. Das zieht dann auf einmal weitere und ganz andere Kreise als man vermutet.

Mit welchen Kreisen sollten wir in Zukunft rechnen?

Maik Kunzelmann: Es werden in den nächsten Jahren noch viele neue Themen und Erkenntnisse auf uns zukommen. Alles fängt mit unseren Gedanken an, die wir, wenn wir es wollen, so filtern können, dass immer das Positive im Vordergrund steht. Dann werden wir vielleicht irgendwann damit aufhören, immer nur das zu artikulieren, was wir nicht wollen. Und stattdessen das manifestieren, was wir wollen.

Zum Beispiel?

Maik Kunzelmann: Jeder sagt, ich will keinen Krieg. Doch wer weiß schon genau, wie eine Welt im wirklichen Frieden aussieht? Wir haben zumindest eine Vorstellung von Frieden, doch es gibt Länder, die kennen über Generationen hinweg nur Krieg. Wenn wir uns alle darauf fokussieren, wie eine friedliche Welt von morgen aussehen könnte, entsteht eine Energie, die unsere Gedanken wahr werden lässt. Unser Geist formt die Materie.

VISU_Blog_Homa_FeuerbildWie weit ist die Menschheit dafür?

Maik Kunzelmann: Ich habe in Indien am Agnihotrafeuer teilgenommen, einem über 3000 Jahre alten vedischen Ritual, das auch hier immer mehr Menschen durchführen. Da geht es um göttliche Energie, die wir reinigend in die Atmosphäre geben, von wo aus sie wieder zu uns zurückkommt. Sehr fruchtbar sowohl in materieller, irdischer als auch in spiritueller Hinsicht. Für den Einzelnen und für die ganze Menschheit. Die Zeremonie in Varanasi und ihre geschichtlichen Hintergründe habe ich in einem der Indien Blogs näher beschrieben. Wie gesagt, immer mehr Menschen öffnen sich für andere Sicht- und Handlungsweisen. Sie sind viel bereiter, wenn es darum geht, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Die Welt wird trotz humaner Gedanken und religiöser Ideen immer noch von Ungerechtigkeit beherrscht. Wie hat sich das, bei aller Faszination vom Spirituellen, in Indien angefühlt?

Maik Kunzelmann: Gerade die Kasten im Hinduismus sind von einer Striktheit geprägt, die aus meiner Sicht alles andere als in Ordnung ist. Das ist mir überall begegnet und hat mir bewusst gemacht, dass die religiöse Komponente in Indien nur eine Seite der Medaille ist. Indien ist ein stark wachsendes Land, mit einem riesigen Potenzial, das alle Facetten hat, von superreich bis ganz, ganz arm. Gegenüber vor zehn Jahren, als ich schon einmal dort war, haben sich heute die Grenzen sogar noch verstärkt. Das wird durch die Präsenz von waffenstarrendem Schutz für die Reichen überall immer deutlicher. Ich denke mal, dass sich hiermit beide Seiten nicht ganz wohl fühlen. Und obwohl man sagt, die unteren Kasten fügen sich in ihr Schicksal, ist doch eine zunehmende Polarisierung von materiellem Besitz in der Bevölkerung spürbar. Besser wäre da eine gleichmäßige, schrittweise Verteilung von materiellen und geistigen Gütern.

VISU_Blog_BücherWird die Religion dabei eine zunehmende oder eher abnehmende Rolle spielen?

Maik Kunzelmann: Sie sollte und wird eine Rolle in einer gerechteren und friedlicheren Welt spielen. Und nirgendwo, so meine aktuellen Erfahrungen, sind die Grundlagen für eine konfliktfreie Koexistenz nun einmal besser als in Indien. Gerade weil in anderen Regionen auf der Welt der religiöse Zwist Hauptgrund für Krieg und Leid ist. Deshalb ist auch das Thema Religion ein wichtiger Baustein des Visuprojekt Instituts. Unser Leitspruch „alles ist mit allem verbunden“ wird nirgendwo so deutlich, wie in den Religionen. Denn sie sind gar nicht so weit getrennt voneinander, wie wir das glauben sollen. Ich denke, dass alle Religionen einen gemeinsamen Ursprung haben, wo genau der geographisch und in seinem Urimpuls auch liegen mag. Wenn wir uns alle auf die Ursprünge besinnen würden, wäre sehr schnell wieder eine Einheit da. Mir sind auf meiner Indienreise viele religiöse Komponenten begegnet, die nicht nur große Toleranz gegenüber anderen zeigen, sondern oft sogar die selben Heiligen und deren Namen verehren. Und das ist nicht nur im Hinduismus so, auch der Islam, das Christentum, das Judentum haben zum Teil die gleichen Personen und oft auch die gleichen Geschichten in ihren heiligen Schriften. Das sollte uns doch allen Mut für die Zukunft machen, oder?

Fotos: Maik Kunzelmann, i-stock – Mitarbeit: Rüdiger Lehmann