Modellprojekte gemeinschaftlicher Lebens- und Wirtschaftsweisen / Teil 2

In unserem letzten Blog zeigten wir auf, wie es dem Ökodorf Sieben Linden gelingt, Alternativen zu unserem hauptsächlich von Konsum und anderen Zwängen geprägten Leben zu verwirklichen. Auch an vielen anderen Orten wird daran gearbeitet, das Dasein in friedlicherem und bewussteren Einklang mit der Natur menschlicher zu gestalten. Wie, zeigen wir am Beispiel der Gemeinschaft Tempelhof auf.

Bei der zunehmenden Neuorientierung von Lebensweisen spielen, neben sozialen und ökologischen Werten, Spiritualität und inneres Wachstum eine herausragende Rolle. Dennoch fühlen sich viele Menschen durch die Auffassung isoliert und ohnmächtig zu sein, noch immer in ihrem Alltagsleben gelähmt. Hier bieten die mittlerweile vielfältigen Möglichkeiten, an einem Ort gemeinsam zu leben und zu arbeiten, große Chancen einem vorwiegend am Kapital orientierten Leben zu entrinnen.

Raum für Vielfalt und Kreativität

In der Gemeinschaft Tempelhof folgten zwanzig Menschen aus vielfältigen Gesellschafts- und Glaubensrichtungen diesen Ideen. Drei Jahre arbeitete man intensiv an einer Vision vom gemeinsamen Leben in Form einer ökologisch nachhaltigen, sozial gerechten und sinnerfüllten menschlichen Daseinsform. Anfang 2010 fanden die Initiatoren das geeignete Objekt mit dem Tempelhof, einem allein stehenden kleinen Dorf mit Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten für 150-200 Menschen. In der Nähe von Schwäbisch Hall, zwischen Stuttgart und Nürnberg gelegen, steht Tempelhof auf 30 ha Boden, bestehend aus 4 ha Baugrund mit zahlreichen Gebäuden und 26 ha Agrarland. Dies bietet 120 Menschen Raum für gemeinschaftliches Wohnen und vielfältige gewerbliche Betriebe und kreative Projekte, die der Vision einer zukunftsfähigen Lebenskultur entsprechen sollen. Mehrere Großküchen, Werkstätten, eine Mehrzweckhalle mit Bühne und Wohngebäude befinden sich inmitten der Natur. In Tempelhof funktioniert alles ohne Privatbesitz an Grund und Boden. Erwerber der Liegenschaft ist die gemeinnützige Schloss Tempelhof Stiftung, die sie per Erbpachtvertrag mit 99 Jahren Laufzeit an die Schloss Tempelhof Genossenschaft vergeben hat. Die Bewirtschaftung des Landes dient ausschließlich der Selbstversorgung mit biologischen Lebensmitteln und damit der Wiederherstellung und Erhaltung natürlicher Kreisläufe.

Persönliche und praktische Wege

Verbindender Hintergrund der Vision Tempelhof ist für die dort lebenden Menschen der gemeinschaftliche Einsatz für das Wir, um für jeden Beteiligten einen Raum zu gestalten, in dem er seine persönlichen geistig-spirituellen und praktischen Wege gehen kann. Ganz ohne geistiges, politisches Dogma oder theoretische Glaubensvorgaben. Die Kommunikation ist offen und aus dem Herzen heraus, stets unter dem Aspekt von achtsamem Umgang, Wahrhaftigkeit, Gewaltlosigkeit und Verbindlichkeit. Ohne zu vergleichen und zu bewerten, in einem natürlichen Gefüge – das beweglich und lebendig sein darf. Geben und Nehmen stehen im Tempelhof im Gleichgewicht. Jeder trägt Verantwortung für sich und die Gemeinschaft. Stets in Achtung und Respekt vor der Schöpfung. Als Teil der Natur, in der Altes mit Neuem verbunden wird und in der auch zukünftige Generationen den gleichen Anspruch auf Lebensqualität und Ressourcennutzung haben sollen.

Ein neues Verständnis

Wie in den Ökodörfern, gibt es auch in anderen Wirtschafts- und Wissenschaftsbereichen vermehrt kreative Ansätze zu einem neuen systemischen, ganzheitlichen Denken. Dies trägt zu einem neuen Verständnis des Menschen bei, das die Natur nicht mehr nur als perfekt zu beherrschendes Gegenüber versteht, sondern als integralen Raum mit Menschen in einem erdumspannenden Lebensnetz. In dem es zur Selbstverständlichkeit wird, anders zu leben als bisher: solidarisch, ökologisch, gesund, nachhaltig und damit zukunftsfähig.

Rüdiger Lehmann / Fotos: iStock, Schloss Tempelhof

Quellen:

https://www.schloss-tempelhof.de/gemeinschaft/vision-werte/

https://reset.org/knowledge/ganz-schoen-anders-oekodoerfer-und-kommunen