Modellprojekte zu veränderten Lebensgewohnheiten / Teil 1

Was bereits in den 60er und 70er Jahren mit unterschiedlichen Vorhaben begann, rückt wieder zunehmend in den Mittelpunkt: die Suche nach Alternativen zu unserem meist von zu viel Konsum, (Sach)Zwängen und zu wenig innerer Freiheit geprägten Leben. Die Gemeinschaften der Ökodörfer zeigen, wie unser Dasein im Einklang mit der Natur bewusster, friedlicher und menschlicher aussehen kann.

Erfahrungen aus den liberal-ökologisch orientierten Bewegungen der 60er und 70er Jahren zeigen zusammen mit Beiträgen aus der aktuellen Nachhaltigkeitsdiskussion, dass eine bewusstere Organisation des Zusammenlebens entscheidend zu mehr Nachhaltigkeit beitragen kann. Sowohl im wirtschaftlichen als auch im sozialen Bereich bieten kollektive Wohnprojekte durch die  gemeinschaftliche Nutzung von Ressourcen viele Vorteile. Dabei belegen Projekte, wie beispielsweise das Ökodorf Sieben Linden, wie es möglich ist, einer rein am Kapital ausgerichteten Lebensweise zu entrinnen. Indem auch kranke und sozial schwache Menschen Integration finden, erweisen sich Ökodörfer als ausgesprochen gut für Mensch und Umwelt, da Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften einen bis zu sechs mal kleineren ökologischen Fußabdruck hinterlassen, als individuell lebende und wirtschaftende Menschen. Dies belegt die Studie Gemeinschaftlich Nachhaltig der Uni Kassel, die über einen längeren Zeitraum den Ressourcen-Verbrauch von Kommunarden in der Kommune Niederkaufungen und in dem ganzheitlichen Gemeinschaftsprojekt Ökodorf Sieben Linden beobachtet hat.

Das Ökodorf Sieben Linden gibt es seit 1997 mit dem erklärten Ziel, nachhaltige Lebensstile zugunsten des ökologischen Fußabdrucks umzusetzen. So setzt die Nachbarschaft Nord- und Südhaus auf ein unkompliziertes Nebeneinander-Wohnen verschiedener Generationen während für die Nachbarschaft Brunnenwiese Spiritualität und Heilung wichtige Themen sind. Insgesamt bietet das Dorf Raum für Menschen mit jeweils unterschiedlichen Ansätzen zum Thema „Ökologische Lebensweise“. Gemeinsam jedoch mit dem Ziel, die Konsumgewohnheiten in Anbetracht der weltweiten Ausbeutung von Menschen, Tieren und der Erde immer wieder zu hinterfragen. Vor dem Hintergrund eines regen Gemeinschaftslebens gehen daher in Sieben Linden die Bereiche Ökologie, Soziales, Kultur und Ökonomie Hand in Hand, um so eine zukunftsfähige Lebensweise mit einer hohen Lebensqualität zu verbinden. 100 Erwachsene sowie 40 Kinder und Jugendliche leben im in dem Ökodorf im Altmarkkreis Salzwedel, Sachsen-Anhalt. In vielfältigen Bildungs- und Besuchsangeboten geben sie ihre Erfahrungen gerne an Interessierte weiter.

Für Visuprojekt-Institutsleiter Maik Kunzelmann sind die heutigen Ökodörfer wichtige Vorreiter eines künftigen Lebensstils. „Zunehmend suchen Menschen nach mehr Sinn im Leben. Energieautarke und versorgungsautarke Dörfer oder Gemeinschaften können hier die Zukunft sein.“ Schwächen im derzeitigen zentralistischen Versorgungssystem würden sich vor allem darin zeigen, dass es nicht ökologisch sein könne, Nahrungsmittel und Konsumgüter über die ganze Welt zu transportieren. Und in der Frage, ob uns die vielen Konsumgüter wirklich langfristig glücklich machen. Maik Kunzelmann: „Eine dezentrale Energieerzeugung, die zum Teil schon durch Photovoltaik möglich ist, und die Selbstversorgung mit gesunden Nahrungsmitteln, vor allem die der vegetarischen Ernährung, könnten zentrale Pfeiler einer kommenden Generation und Gesellschaft werden.“ Kunzelmann selbst ist seit vier Jahren Vegetarier und vermisst das Fleischessen nicht mehr. Für ihn wäre es wichtig, dass alle ein bisschen darauf achten, was sie essen, trinken und konsumieren. „Mit den Ökodörfern kommen wir der Natur wieder einen Schritt näher um unseren Kindern einen sauberen Planeten zu hinterlassen. Denn die Natur ernährt uns und nicht umgekehrt.“ In diesem Zusammenhang nennt Maik Kunzelmann auch die Debatte um die aktuellen Studien zum Thema Insektensterben und die Benutzung von Insektiziden, wie Glyphosat. „Dessen Einsatz ist definitiv nicht gesund für uns und unsere Umwelt, wobei ich von den Massentierhaltungen und Antibiotika gar nicht reden möchte. Was wir der Natur antun, könnte uns auf die Füße fallen, wenn wir nicht bald anfangen etwas zu ändern. Aber dazu braucht es auch Mut, und den wünsche ich mir für alle Menschen – Mut zur Veränderung.“

Rüdiger Lehmann / Foto: I-Stock / Video: Sieben Linden auf YouTube

Quellen: 

https://reset.org/knowledge/ganz-schoen-anders-oekodoerfer-und-kommunen

http://glww.cesr.de/