Auf den Spuren alter Kulturen und heiliger Städte / Teil 8
von Maik Kunzelmann

Während ich am Flughafen New Delhi zum Heimflug einchecke, zieht im Zeitraffer all das an mir vorüber, was ich in nur zwei Wochen erleben durfte. 14 Tage vollgepackt mit indischer Kultur- und Religionsgeschichte aus über 5000 Jahren nehme ich mit, so meine Gedanken, die gleich von vielen Fragen überlagert werden. Geht das überhaupt? Was wird davon übrig bleiben, für mich, meine Arbeit, das VISUPROJEKT Institut? Und macht es eigentlich Sinn, zwischen all dem nach Zusammenhängen zu suchen? Ich finde eine kleine Antwort darauf in einem Buch über Quantenmechanik, in dem ich blättere, als ich am Flugschalter stehe:

Alles hängt mit allem zusammen.

World Religions Flower SymbolsDie Vielfalt der Religionen ist in Indien von großer Akzeptanz und Toleranz geprägt. Alles scheint hier miteinander zu korrespondieren, in Verbindung zu stehen und voneinander zu profitieren. Trotz teils starker Unterscheidungen habe ich auf meiner Reise überall Menschen kennen gelernt, die anderen Religionen sehr weise und verständnisvoll gegenüber standen. Irgendwie scheint in Indien alles Platz zu haben. Auch wenn das Christentum mit aktuell rund 2,5 Prozent nur wenig Raum einnimmt, kam es bereits um das 4. Jh. n. Chr. durch den syrischen Kaufmann Thomas Cana nach Indien. Bis heute führt die Syrische Christliche Kirche in Südindien ihre Wurzeln auf den heiligen Thomas zurück, während die römisch-katholische Kirche sich auf die Ankunft des heiligen Franziskus Xavier im Jahr 1542 beruft. Größeren Anteil genießt in Indien mit rund 13,5 Prozent der Islam, der im 7. Jh. n. Chr. vom Propheten Mohammed gegründet und schon bald darauf durch arabische Händler und muslimische Heere Indien erreichte. Ihnen folgten die Afghanen und die Moguls, von denen es Kaiser Akbar fast gelang, eine neue Religion namens Din-e-Elahi zu gründen, die aus dem Hinduismus und dem Islam konzipiert war.

Komplexes Wissen für die gesamte Menschheit

VISU_Blog_BücherSchon im 8. Jh. v. Chr. wurden die Upanishaden, die ältesten philosophischen Schriften der Inder und wahrscheinlich auch der ganzen Menschheit, aufgeschrieben. Sie gingen bis ins Jahr 200 v. Chr. einher mit einer Veränderung des zu dieser Zeit herrschenden Brahmanismus in Richtung des heutigen Hinduismus. Basierend auf den Veden hatten sie als Botschaften der altindischen Industal-Kultur schon vor über 5000 Jahren als komplexes Wissen für die gesamte Menschheit ihre mündliche Verbreitung gefunden. Hinduistische Reformbewegungen, wie der Buddhismus, der Jainismus* und später der Islam, die sich vor allem gegen das Kastensystem wandten, übten ihren Einfluss auf den Hinduismus aus, dem es aber bis heute immer wieder gelang, neue Denkanstöße zu integrieren. So wurde aus Buddha eine Inkarnation des Gottes Vishnu, was ihn auf diesem Weg ins hinduistische Denken einbaute.
 Es ist durchaus möglich bei gutgläubigen Hindus gleichzeitig Bilder von Vishnu, Shiva, Buddha und Jesus einträchtig nebeneinander an der Wand zu finden, was die große Toleranz der Hindus in religiösen Dingen aufzeigt, die so gut wie nie Missionsgedanken hegen. Für sie gibt es viele Wege, Erleuchtung, Erlösung oder das Nirvana zu erreichen. Jedem Hindu ist es freigestellt, den Gott zu verehren, der ihm am besten gefällt oder der gerade Abhilfe in momentanen Problemlagen schaffen kann.

VISU_Blog_LotusDie humanitären Visionen der Bahai

Auch die in Indien vertretene und weltweit mit fünf Millionen Anhängern aktive Bahai Religion ist von Toleranz und Eintracht mit allen anderen Religionen dieser Welt geprägt. So zählen die Bahai, neben dem als Gottesoffenbarung betrachteten Werk ihres Religionsstifters Baha’ullah (1817-1892), auch die Heiligen Schriften anderer Weltreligionen zum gemeinsamen religiösen Erbe. Weil sie in Gott den Herrn aller Religionen sehen, gelten Adam, Abraham, Moses, Zarathustra, Krishna, Siddhartha Gautama, Jesus Christus, Mohammed, der Bab und Baha’ullah allesamt als Manifestationen Gottes. Im Rahmen einer handlungsorientierten, humanitären Vision ruft Religionsgründer Baha’ullah seine Anhänger dazu auf, “…das Wohl des Menschengeschlechts zu sichern, seine Einheit zu fördern und den Geist der Liebe und Verbundenheit unter den Menschen zu pflegen und nicht zur Quelle der Uneinigkeit und der Zwietracht, des Hasses und der Feindschaft zu werden.“ Neben dem berühmten Tempel in New Dehli befindet sich das Europäische Haus der Andacht, so seine Bezeichnung in Deutschland, in der Nähe von Frankfurt in Langenhain im Taunus.

Parallelen zwischen Buddhismus und Christentum

VISU_Blog_BuddhaInsgesamt ist der Hinduismus mit über 80 Prozent Anteil an der indischen Bevölkerung die mit Abstand älteste der heute noch praktizierten großen Religionen. Der Buddhismus entstand sehr viel später – vor rund 2500 Jahren – durch den Brahmanensohn Siddarta, der nach seiner Erleuchtung den Namen Buddha erhielt. Der Buddhismus lehnte eine strenge Einteilung in jene Kasten ab, die bis heute den Unterprivilegierten ein menschenunwürdiges Leben zumuten. Indem der Buddhismus ein eigenes Glaubenssystem entwickelte, zog er höchst interessante Parallelen zwischen der Entstehung des Christentums hinsichtlich ihrer Vorgänger-Religionen. Buddhismus und Christentum entstanden in etwa zur gleichen Zeit, indem sie beide, anders als ihre Vorgänger-Religionen, Fragen der menschlichen, individuellen Lebensführung in den Mittelpunkt stellen, was zuvor bei den Ägyptern, Griechen, Römern und Indern noch eher nachrangig behandelt wurde. Dennoch gibt es einen wichtigen Unterschied: Während das Christentum die alten Religionen als heidnisch brandmarkte und vernichtete, zogen die Buddhisten in Gebiete östlich von Indien und etablierten sich dort vor allem durch Integration.

Gott ist in uns allen

VISU_Blog_Sikh_TempelIm Verlauf meiner Reise war für mich, neben den vielen anderen Erlebnissen, die Begegnung mit dem Sikhismus besonders beeindruckend und richtungsweisend. Mit nur rund 2 Prozent Bevölkerungsanteil sind die Sikhs eine kleine Religionsgemeinschaft, die, beeinflusst von den positiven Eigenschaften des Hinduismus und des Islams im 16. Jahrhundert von Guru Nanak gegründet wurde. Wie Buddhisten und Bahai sind auch die Sikhs gegen Vielgötterei, Kastenwesen, Aksese und für religiöse Duldsamkeit. Sie verwehren sich gegen Intoleranz und Diskrimierung Andersgläubiger und stehen für die Gleichstellung von Frauen. Durch die Verteidigung ihres Glaubens wurden sie in Indien zu einem nationalen Kriegeradel, der auch heute noch den Kern der Indischen Armee bildet. Da die bildliche Vorstellung eines Schöpfers für sie jenseits des menschlichen Begriffsvermögens liegt, lehnen sie jegliche bildliche Vorstellung von Gott ab. Für die Sikhs ist Gott nicht im Tempel, nicht in der Synagoge und nicht in der Kirche. Er ist in uns, und seine Manifestation in den Menschen definieren sie so: Wo ein Sikh ist, gibt es einen Sikh. Wo zwei Sikhs sind, gibt es eine Versammlung von Heiligen. Wo fünf Sikhs zusammenkommen, da ist Gott.

* Dem Jainismus folgen heute rund 4 Millionen Inder. Mit seinen Wurzeln im Brahmanismus entstand er aus ähnlichen Motiven heraus fast zeitgleich mit dem Buddhismus. Auch wenn er sich weniger gegen den Adel der Brahmanen wendet und eher als Bewahrer von deren philosophischen Überzeugungen versteht.

Fotos: Maik Kunzelmann, i-stock – Mitarbeit: Rüdiger Lehmann

Im nächsten Blog:
Was bedeuten die Erlebnisse und Erkenntnisse der Indienreise für das VISUPROJEKT Institut? Ein Gespräch mit Maik Kunzelmann