Teil 1 Kairo: Die prächtigen Zeugnisse des koptischen Viertels

Kaum ein anderes Land hat die Menschen seit Generationen so beschäftigt und fasziniert, wie das alte Ägypten. Besonders für diejenigen, die sich für Geschichte oder Kultur interessieren, zählt eine Reise nach Ägypten noch immer zu den aufregendsten und schönsten Zielen dieser Erde. In den folgenden Wochen berichtet Maik Kunzelmann im VISUPROJEKT-Institut Blog von seinen Reise-Erlebnissen durch ein Land, das an seiner Geschichte und Kultur bereits seit vielen Jahrtausenden intensiv festhält.

Ser_Bacc_TafelÄgypten liegt am Nord-Ost-Rand des afrikanischen Kontinents, am Schnittpunkt von zwei der größten Ozeane der Erde: dem Atlantik, mit dem es durch das Mittelmeer im Norden verbunden ist, und dem Indischen Ozean, durch den es mit dem Roten Meer in Verbindung steht. Seine Reise startet Maik Kunzelmann in Kairo, Ägyptens Hauptstadt und mit rund 7,8 Millionen Menschen größte Stadt der arabischen Welt. Neben modernen europäischen Stadtvierteln faszinieren in Kairo besonders die mittelalterlichen arabischen Stadtteile und ein kleines Areal, das von christlichen Bauten bestimmt wird: Das koptische Viertel. Was im griechischen für „Ägypter“ stand, bezeichnet heute, in Abgrenzung zur islamischen Bevölkerung Ägyptens, die christlichen Angehörigen der koptischen Kirchen. In diesem von alten römischen Festungsmauern begrenzten Bezirk Kairos befinden sich das Koptische Museum, christliche Friedhofsanlagen, eine Synagoge und mehrere bedeutende Kirchen. Und dort, wo sich heute die Altstadt Kairos befindet, stand schon vor langer Zeit eine Siedlung – die Festung Babylon, eine antike römische Militäranlage in Ägypten.

Sergius_Baccus_innenKirche der hl. Sergius und Baccus

Von hoher religiöser Bedeutung ist das koptische Viertel deshalb, weil sich der Überlieferung nach Josef und Maria hier mit dem Jesuskind auf ihrer Flucht nach Ägypten in einer kleinen Höhle aufgehalten haben sollen. Zeugnis davon liefert die älteste Kirche Kairos, die Kirche der hll. Sergius (Abū Sārga) und Bacchus, benannt nach zwei Militärheiligen und Märtyrern, die ihr Martyrium in Syrien zur Zeit des römischen Kaisers Maximinus im Jahr 296 erlitten. Über eine Treppe gelangt man in das Innere der dreischiffigen Basilika, mit Ikonen, die teilweise aus dem 17. Jahrhundert stammen und die hl. Jungfrau, Christus sowie mehrere Heilige zeigen.Ser_Bacc_Gruft_2 Folgt man dem nördlichen Seitenschiff, gelangt man zur gewölbten Krypta, die als Unterkunft der hl. Familie gedient haben soll.

Die Hängende Kirche

Gegenüber der Metro-Station Mar Girgis befindet sich die sogenannte Hängende Kirche Kanisa Mu’allaqa. Sie verdankt ihre Bezeichnung ihrer Lage oberhalb des Eingangs zu einem römischen Fort, was optisch einen ‚hängenden‘ Eindruck vermittelte. Im 4. Jahrhundert gebaut und der Jungfrau Maria geweiht, avancierte das Bauwerk im 7. Jahrhundert zum Bischofssitz. Nach ihrer Zerstörung im 9. und dem Wiederaufbau im 11. Jahrhundert wurde die koptische Kirche zum Sitz des koptischen Patriarchen erhoben.

Haeng_KircheDas Koptische Museum

Mit der weltweit größten Sammlung koptischer Kunst beeindruckt das 1908 gegründete koptische Museum. Zu besichtigen sind hier unter anderem Ikonenmalereien, Architekturfragmente alter Kirchen und Klöster, Reliefs mit religiösen Szenen, Grabstelen, Holzschnitzereien, Gebrauchsgegenstände aus koptischer Zeit sowie Textilien und christliche Kulturutensilien. Kopt_Museum_1Dazu werden in einem speziellen Archiv über tausend Manuskripte aus dem Sensationsfund von Nag Hammadi aufbewahrt, die allerdings nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind. 1945 war im oberägyptischen Dorf Nag Hammadi ein Tonkrug mit 1600 Jahre alten koptischen Handschriften gefunden worden, darunter auch ein Manuskript mit dem Thomas-Evangelium.

Die St. Georg-Kirche

Heil_GeorgAls von außen sicherlich imposanteste Kirche des ganzen Viertels gilt die griechisch-orthodoxe Kirche St. Georg. Sie wurde auf den Fundamenten des nördlichen römisch-byzantinischen Festungsturms erbaut und steht deshalb erhöht. Mit der typischen runden Form einer byzantinischen Kirche ist sie auch im Innern im byzantinischen Stil prächtig dekoriert und ausgestattet. Ihr Bau geht auf das 10. Jahrhundert zurück, nach einem Brand wurde sie im Jahr 1904 neu errichtet.

Ben Esra-Synagoge

SynagogeDort, wo der jüdischen Überlieferung zufolge der Prophet Elias erschien und Moses angeblich als Säugling im Korb am Nilufer aufgefunden wurde, steht die Ben-Esra-Synagoge. Bereits in vorchristlicher Zeit soll an dieser Stelle ein jüdisches Heiligtum gestanden haben, bevor hier im 8. Jahrhundert die St. Michaels-Kirche gebaut wurde. Um das Jahr 1115 soll der Jerusalemer Oberrabbiner Abraham Ben Esra gegen Bezahlung die Kirche vom koptischen Patriarchen Alexander „zurückerhalten“ haben. In der üppig ausgestatteten Synagoge wurde bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1984 ein Archiv von 250.000 Buchfragmenten entdeckt, die in arabischer, aramäischer und arabischer Sprache verfasst sind, darunter eine hebräische Version des Alten Testaments.

St_BarbaraKirche der hl. Barbara

Der Bau der Kirche der heiligen Barbara ist auf das 5. Jahrhundert datiert. Im Arabischen Sitt Barbara genannt, sollen hier mittelalterlichen Dokumenten zufolge einst Relikte der Märtyrerin St. Barbara aufbewahrt worden sein. Sie besteht aus zwei, mit zahlreichen wertvollen Ikonen und hervorragend erhaltenen kunstvollen Holzreliefs und Elfenbein-Intarsien ausgestatteten Kirchen. Eine der bedeutendsten Ikonen der thronenden Jungfrau Maria mit ihrem Kind aus dem 13. Jahrhundert befindet sich noch heute in der 26 Meter langen dreischiffigen Basilika. Im Osten des Mittelschiffs erheben sich über einer Schirmwand das Kreuz und neun um 1745 entstandene Ikonen, unter anderem mit den Bildnissen von Christus, der hl. Jungfrau, und des hl. Johannes des Täufers.

Rüdiger Lehmann      Fotos: Maik Kunzelmann

Quellen

http://www.aegypten.citysam.de/

https://www.aegypten-spezialist.de/

https://www.aegypten-online.de/