Auf den Spuren alter Kulturen und heiliger Städte / Teil 5
von Maik Kunzelmann

Von meinem Aufenthalt in Varanasi bin ich nach New Delhi zurückgekehrt. Die vielen Eindrücke ließen mir keine Zeit, mich in der alten Stadt am Ganges intensiver auch mit dem Buddhismus, einer der wichtigsten Philosophien der Welt, zu beschäftigen. Beim Hinflug verabschiedete ich mich beim Zwischenstopp in Gaya, dem Ort der Erleuchtung Buddhas, von meinem Sitznachbarn Geshe Damdul allerdings mit dem Versprechen, ihn in New Delhi im buddhistischen Zentrum des Tibet House zu besuchen…

In Varanasis Stadtteil Sarnath befindet sich die Weltzentrale aller Buddhisten. Hier hielt Siddhartha Gautama als Buddha der Erleuchtete im 6. Jh. v. Chr. in einer Höhle seine erste Predigt. Jahrhundertelang war Sarnath als jener Ort, an dem Buddha und seine Anhänger sich von ihren Missionsreisen erholt haben, als Wallfahrtsort ein florierendes Zentrum buddhistischer Kunst und Lehre. Bis heute gilt Sarnath neben Bodhgaya, Kapilavastu und Kushinagar zu den vier wichtigsten Pilgerzielen.

VISU_Blog_iStock_RikshaEin einzigartiges kulturelles Erbe

Es ist eher ein Ort neuerer buddhistischer Geschichte, zu dem ich mich ich am Morgen durch das geschäftige New Delhi aufmache. Auf unserem gemeinsamen Flug hatte sich Mr. Damdul mir als Lehrer am Tibet House vorgestellt. Einer Institution, die, nur wenige Häuserblocks von meinem Hotel entfernt, als Tor zur tibetischen Kultur ein Zentrum für Tibetologen, buddhistische Meister, Laien und Wissenschaftler aus vielen Disziplinen gilt. 1965 von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama gegründet, soll das Haus dem künftigen Schutz des einzigartigen kulturellen Erbes von Tibet und der Verbreitung der buddhistischen Lehre dienen.

Monks reading and studying traditional booksDer eigene Weg zur Zufriedenheit

Auch wenn der Buddhismus zu den großen Weltreligionen zählt, gilt er in seiner Auslegung auch als umfassende, allen anderen Religionen offen stehende, Philosophie. Getreu dem Buddha-Zitat Glaub‘ nicht blind was andere sagen – auch dem Buddha nicht. Finde selbst heraus, was Zufriedenheit, Klarheit und Ruhe bringt, erlaubt der Buddhismus es jedem, seinen eigenen, kreativen und undogmatischen Weg zu einem glücklichen Leben zu finden. Dabei beinhaltet die Frage nach dem Glück gleichzeitig die Frage nach dem Umgang mit unseren Ängsten, den kleinen und großen Problemen des Alltags und der existentiellen Angst vor dem Tod. Auch wenn der weltweite Buddhismus heute äußerst vielfältige, an religiöse Zeremonien und Riten gebundene Ausprägungen vorweist, stellt Buddha nirgendwo einen Gott mit einem Anspruch der Rückbindung an ein Schöpferwesen dar. Buddha war ein Mensch, der zur Erforschung des menschlichen Geistes die jedermann verfügbaren Mittel des Bewusstseins benutzte. Dies macht die buddhistische Philosophie und Psychologie nicht zu einer Lehre von Dingen, die man glaubt oder nicht glaubt, sondern zu einer Philosophie der Erkundung des eigenen Geistes und des eigenen Lebens.

VISU_Blog_iStock_Gaya_Baum_ErleuchtungVier edle Wahrheiten

Aus dem 4000 Jahre alten Hinduismus heraus entstand der Buddhismus vor über 2000 Jahren als eine Reformbewegung, die die bis heute bei Hindus selbstverständliche strenge Einteilung in Kasten ablehnte. Gemäß der Überlieferung entstammte Buddha als Brahmanensohn Siddhartha Gautama einem Adelsgeschlecht des nordindischen Volks der Shakya. Er verließ seine Frau, den Palast und das Reich seiner Eltern um das Leben eines Asketen zu führen. Dabei erlernte er die yogische Praxis und Meditation als Schüler angesehener brahmanischer Eremiten, bevor er im Alter von 35 Jahren in einer Vollmondnacht in tiefster Versenkung unter einer Pappelfeige in Gaya die Erleuchtung zum Buddha erfuhr. Nach seinem Erwachen formulierte er die vier edlen Wahrheiten: die Angst muss verstanden werden, von ihrem Ursprung muss abgelassen werden, ihr Aufhören muss verwirklicht und die dafür nötige Praxis des mittleren Weges, der weder extremen Konsum noch Askese formuliert, muss geübt werden.

Fotos: i-stock – Mitarbeit: Rüdiger Lehmann

Im nächsten Blog:
Mit Mr. Geshe Damdul und der Deutschlehrerin Pooja Dabral lerne ich die Bilbliothek, das Museum und die große Bedeutung des Tibet House kennen…