Der goldene Schnitt ist das in allem vorhandene Ideal der Schönheit / Teil 2

Der Goldene Schnitt gilt als das ästhetische Idealmaß schlechthin und als die Zahl, die in der Natur am häufigsten zu errechnen ist. Die vom griechischen Mathematiker Euklid von Alexandria (ca. 360 v. Chr. bis ca. 280 v. Chr.) unter dem Namen Phi definierte Konstante begegnet uns in der Natur, in der Mathematik und in der Kunst.

Das Verhältnis von Über- zu Unterbau des Parthenon spiegelt exakt die Proportionen des goldenen Schnittes wieder.

Das Verhältnis von Über- zu Unterbau des Parthenon spiegelt exakt die Proportionen des Goldenen Schnittes wieder.

Stehen Einzelteile harmonisch in einem entsprechenden Verhältnis zueinander, empfinden wir das als ideale Schönheit. Weshalb sich uns das, was der Mathematiker Leonardo Fibonacci (1180 – 1240) in einem Schnittverhältnis von 3 : 5 belegt hat, nicht nur in der Natur, sondern auch in bildhauerischen und malerischen Künsten, in der Architektur, im Grafik-Design, der Fotografie und sogar in der Musik zeigt. Die Goldene Schnitt Formel besagt, dass der kleinere Anteil (Minor) sich zum Größeren (Major) so verhält, wie der Größere zum Ganzen.

Auch Höhe und Breite des Parthenon verhalten sich wie Minor und Major.

Auch Höhe und Breite des Parthenon verhalten sich wie Minor und Major.

Der Goldene Schnitt prägte bereits in der Antike das Parthenon von Athen, eines der bekanntesten klassischen Bauten, das gleichzeitig als das schönste und vollendetste Werk der antiken griechischen Architektur gilt. Dieser Tempel, rund 450 v. Chr. unter Perikles errichtet, bildet bis heute ein Paradebeispiel klassischer symmetrischer Anordnungen einzelner Elemente, die sich bis in kleinste Details aus allen Perspektiven, wiederfinden.

Pyramids of GizaUnterschiedliche Epochen

Dabei ist der Parthenon nur ein Beispiel für die Anwendung des Goldenen Schnittes in vielen anderen berühmten und großen sakralen Bauten. So finden wir die goldene Proportion auch in der Cheops Pyramide von Gizeh (ca. 2590 bis 2470 v. Chr.), in der Kapelle Notre-Dame-du-Haut (Le Corbusier, Frankreich, 1955) sowie in vielen anderen Kirchen und Kathedralen unterschiedlicher Epochen, wie dem Kölner Dom oder der Kathedrale Notre-Dame in Reims. Selbst im berühmtesten der großen Steinmonumente, dem Stonehenge, das vor ca. 3500 Jahren bei Salisbury in England erbaut wurde, finden sich die goldenen Maße wieder.

Koeln DomIn allen Künsten zu finden

In der Kunst sind die Proportionen des Goldenen Schnittes im Grundaufbau zahlreicher bekannter Gemälde erkennbar, wie in Das Abendmahl von Leonardo da Vinci, in Albrecht Dürers Selbstbildnis und in Raffaels Die Sixtinische Madonna. Und auch in der Musik begegnet uns der Goldene Schnitt, wie etwa im Geigen- und im Flötenbau. So soll Stradivari den Goldenen Schnitt zur Berechnung der klanglich optimalen Position der F-Löcher seiner Geige verwendet haben, um die Musik dadurch schöner klingen zu lassen. Auch wenn nicht belegt werden kann, ob Stradivari dies bewusst oder unbewusst getan hat, gilt das Vorhandensein des Goldenen Schnittes zumindest nachträglich als bewiesen.

iStock_Visu_Blog_GeigeUntersuchungen des ungarischen Musikwissenschaftlers Erno Lendvai zufolge, hat der Komponist Bela Bartok den Aufbau seiner Kompositionen so gestaltet, dass die Taktanzahl einzelner Abschnitte sich im Verhältnis zueinander dem Goldenen Schnitt annähern. Und auch in der berühmten Kunst der Fuge, dem größten Werk Johann Sebastian Bachs, spielt der Goldene Schnitt eine wichtige Rolle. Hier, wie in vielen anderen musikalischen Werken übrigens auch, verhält sich der kürzere zweite Teil zum längeren ersten Teil genau so, wie der erste Teil zum Ganzen.  Rüdiger Lehmann

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