Wie der goldene Schnitt unser Sehen, Hören und Empfinden bestimmt

Wir haben es in der Schule gelernt und unsere Kinder lernen nach wie vor darüber. Dennoch gehen wir oft achtlos an dem vorbei, was den Goldenen Schnitt in unserem Alltag ausmacht: in der Natur, der Kunst und der Architektur – und in uns selbst. Denn der goldene Schnitt gilt als das ästhetische Idealmaß schlechthin…

Als wichtiges Zahlenverhältnis findet der Goldene Schnitt in den verschiedensten Bereichen des Lebens seine Anwendung, vornehmlich in Bauwerken, Kunstobjekten, Fotografie und der Mathematik. Und da nahezu alles, was der Mensch erdenkt und erschafft seine Vorbilder in der Natur findet, begegnet er uns auch in den meisten natürlichen Begebenheiten, wie beispielsweise den körperlichen Proportionen. In der Mathematik ist der Goldene Schnitt eine Konstante mit dem Namen Phi, die erstmals vom griechischen Mathematiker Euklid von Alexandria (ca. 360 v. Chr. bis ca. 280 v. Chr.) wissenschaftlich erkannt und dokumentiert wurde, als er das Verhältnis platonischer Körper untersuchte.

Der Goldene Schnitt ist die Zahl, die in der Natur am häufigsten zu errechnen ist, was beispielsweise am Differenzverhältnis des menschlichen Arms rasch zu erkennen ist: Das Maß von Schulter bis zur Fingerspitze minus dem Maß von Armbeuge bis Fingerspitze bildet den Goldenen Schnitt – was mit den Beinen oder draußen in der Natur z.B. bei Blättern ähnlich funktioniert.

Zwei Strecken a und b stehen im Verhältnis des Goldenen Schnitts zueinander, wenn sich die größere zur kleineren Strecke (a / b) verhält wie die Summe aus beiden zur größeren ((a+b) / a)

Zwei Strecken a und b stehen im Verhältnis des Goldenen Schnitts zueinander, wenn sich die größere zur kleineren Strecke (a / b) verhält wie die Summe aus beiden zur größeren ((a+b) / a)

In Übereinstimmung mit der Natur

Historisch spielte der Goldene Schnitt besonders in der Kunst eine bedeutende Rolle, da die gängige Auffassung davon ausging, dass die ideale Schönheit von Figuren dann vorliege, wenn die Einzelteile zueinander in einem entsprechenden Verhältnis stehen. Denn dann werde es vom Betrachter auch als natürlich, das heißt in Übereinstimmung mit der Natur, empfunden. Die Formel, dass der kleinere Anteil (Minor) sich zum Größeren (Major) so verhält, wie der Größere zum Ganzen galt daher schon in der Antike als Inbegriff perfekter Proportionen; was der Mathematiker Leonardo Fibonacci (1180 – 1240) in einem nach ihm benannten Verfahren dadurch belegte, dass der Mensch ein Schnittverhältnis von 3 : 5 als besonders harmonisch und natürlich empfindet. Dennoch wird das Bild der Vollkommenheit nicht nur durch die Gleichheit der Teile, sondern auch durch die Gleichheit der Proportionen bestimmt. Dies hängt offensichtlich mit einer Symmetrie zusammen, die die Asymmetrie integriert: Die Symmetrie findet sich innerhalb das goldenen Schnittes deshalb nicht nur in einer rein förmlichen Umsetzung (Gleichheit der Teile), sondern auch in einer verhältnismäßigen. Die Proportionen der einzelnen Elemente sind gleich.

Überall sichtbar – von der Antike bis heute

GOLDENRATIO_MULTI_PATHAnwendung findet der Goldene Schnitt überall sichtbar in bildhauerischen und malerischen Künsten sowie in der Architektur. Aber auch und besonders moderne Zweige wie Grafik, Grafik-Design und Fotografie bauen auf den Goldenen Schnitt, beispielsweise bei der Relation von Seiten- und Bildformaten oder bei der Positionierung dominanter Linien und Raster sowie bei der harmonischen Anordnung der Motive an sich. Hier wird unser ästhetisches Empfinden dadurch befriedigt, dass alle bild- und kompositionsdominierenden Elemente nicht im Zentrum stehen, sondern eher nach links oder rechts positioniert werden sollten. Den meisten Menschen nicht ganz so geläufig ist das Anwendungsgebiet des Goldenen Schnitts in der Musik. Hier wurde herausgefunden, dass auch namhafte Komponisten wie Bach, Schubert und Mozart den Goldenen Schnitt offensichtlich in ihren Kompositionen verarbeitet haben. Somit dürfte nicht nur unser Seh- sondern auch unser Hörempfinden von der ästhetischen Logik des Goldenen Schnitts beeinflusst und bestimmt werden.

Rüdiger Lehmann

Lesen Sie im nächsten Blog: Vom Pantheon bis zum Kölner Dom. Wo uns der goldene Schnitt überall begegnet. / Welches Verhältnis haben Geometrie und numerische Eigenschaften?