Auf den Spuren alter Kulturen und heiliger Städte / Teil 1
von Maik Kunzelmann

Mein Zwischenaufenthalt auf dem Flughafen von Gaya ist von nur kurzer Dauer. Ganz in der Nähe befindet sich Bodhgaya, der Ort, an dem der Buddha Siddharta Gautama um das Jahr 534 v. Chr. seine Erleuchtung erhielt. Leider war es nicht geplant und möglich diesen Ort zu besuchen. Doch dafür gibt mir der Mann, der auf dem Weiterflug nach Varanasi neben mir sitzt, zumindest einen kleinen Eindruck von der Energie, die der Buddhismus von hier aus in die Welt trug.

VISU_Blog_BuddhaMr. Geshe Damdul ist von jener Würde und Gelassenheit, die wir automatisch mit Menschen verbinden, die uns in ihren orange-roten buddhistischen Gewändern begegnen, bei denen Bilder von der tibetischen Hochebene vor uns auftauchen, vom sagenumwobenen Lhasa, das der Dalai Lama einst, auf Druck der Chinesen im Jahr 1959, verlassen musste. Ich beschließe der Einladung Mr. Damduls zu folgen und ihn nach meiner Rückkehr nach New Delhi im Tibet House zu besuchen, wo er als Lehrer an der Erhaltung der einzigartigen Kultur Tibets mitarbeitet. Doch davon später mehr.

Eine bunte Vielfalt

Vor vier Tagen sind wir in New Delhi eingetroffen. Gemeinsam mit meinem Begleiter Heinz Tiebe war ich im Jahr 2003 schon einmal hier. Und wieder umfängt mich vom ersten Moment an der Zauber der anderen Welt, die mich bereits damals faszinierte. Mit den Menschen und ihrer Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft und Bescheidenheit. Mit der kulturellen und religiösen Vielfalt und den unglaublichen Bauwerken in märchenhaften Landschaften. Während der kommenden zwei Wochen werde ich mich auf den Spuren alter Kulturen, Religionen und heiliger Städte bewegen, denen man in Indien auf Schritt und Tritt begegnet. Dabei werde ich Inspirationen und Erkenntnisse haben, die mich selbst und das VISUPROJEKT Institut von nun an in einer Form beeinflussen werden, die der buddhistischen Weisheit vom immer währenden Wandel eine solch große Bedeutung gibt.

VISU_Blog_LotusDer Lotus Temple

Bevor ich mich alleine auf die schon in Deutschland geplante Reise nach Varanasi begebe, wo ich den Spuren der Veden, des Hinduismus, des Buddhismus und den oft so beeindruckenden Symbolen, Mythen und Verhaltenskonzepten der Menschen folgen möchte, haben wir in New Delhi noch ein spannendes Programm vor uns. Gleich am Ankunftstag besuchen wir ein Heiligtum der Bahai Religion, den Lotus Temple. Mit seiner an eine Lotusblüte erinnernden Form steht er für die Universellen Grundsätze einer friedlichen und harmonischen Einheit Gottes mit allen Menschen und deren Religionen.

VISU_Blog_Taj-MahalDas Taj Mahal

Gleich am nächsten Tag geht es zu einem Palast aus tausendundeiner Nacht, dem Taj Mahal in Agra. Zwischen 1631 und 1648 erbaut, gilt er mit Recht als das schönste Bauwerk muslimischer Kultur in ganz Indien. Seine märchenhafte Anmutung verdankt das Taj Mahal als Symbol für Liebe und Leidenschaft seinem Hauptbaustoff Marmor, den unzähligen Mosaiken aus Edel- und Halbedelsteinen sowie der großen, sich rund um das Bauwerk ausbreitenden Gartenanlage.

VISU_Blog_Humayun_Tomb_0Das Taj Mahal zählt zu den imposanten Kunstwerken der indo-islamischen Mogul-Architektur, von denen wir einen Tag später mit dem Grab von Humayun ein Weiteres bewundern dürfen. Fasziniert stehen wir in einer gigantischen Gartenanlage, die uns ein atemberaubendes Zeugnis der Mausoleumskultur während des islamischen Mogulreichs, von dem ich später noch berichten werde, gibt.

Sikhismus und Gegenwart

Nachmittags geht es weiter zu einem Sikh-Temple. Entstanden im 15. Jahrhundert glaubt die Sikh-Religion an einen Gott, der anders als der Glaube der Hindus kein Kastensystem kennt und somit alle Menschen, Rassen und Religionen, Männer und Frauen als gleich ansieht. Schöner als mit dieser phantastischen Tempelanlage kann man dem Gedanken einer gleichberechtigten und friedlichen Welt wohl kaum Ausdruck verleihen.

VISU_Blog_Sikh_TempelDen ernüchternden Abschluss des Tages finden wir schließlich in der näheren Geschichte, im Indira Ghandi Memorial. Die ehemalige Residenz der Ministerpräsidentin ist heute ein Museum ihrer persönlichen Dinge, einschließlich des blutbefleckten Sari, den sie 1984 trug, als sie ermordet wurde. Auch ihrem 1991 auf gleiche Weise ums Leben gekommenen Sohn Rajiv wird hier gedacht. Es ist eine bedrückende Sehenswürdigkeit, die zeigt, dass die wechselvolle und teils gewalttätige Geschichte Indiens bis heute nicht zur Ruhe gekommen ist. Allen Religionen, Glaubensrichtungen und Hoffnungen zum Trotz. Oder doch ganz im hoffnungsvollen Sinne der Vier Edlen Wahrheiten des Buddhismus, die sagen, dass alle Menschen zwar immer wieder leiden, wir aber Wege haben, dies zu vermeiden um so doch zur völligen Befreiung zu gelangen? Ich hoffe, auf meiner weiteren Reise mehr darüber zu lernen…

Fotos: Maik Kunzelmann – Mitarbeit: Rüdiger Lehmann

Im nächsten Blog:
Ich folge der Einladung meines Facebook-Freundes Bhusan Kumar nach Varanasi, der 3200 Jahre alten faszinierenden Stadt am Ganges.