Maik Kunzelmann auf den Spuren ägyptischer Geschichte, Teil 6: Die Sarkophage von Sakkara

Im vorhergehenden Blog berichtete Maik Kunzelmann von der weitläufigen Totenstadt Sakkara, mit zwischen 2500 und 5000 Jahre alten Gräbern. Seit Jahrzehnten von Archäologen durchkämmt, werden dort bis heute immer neue Entdeckungen gemacht, meist mit schlüssigen Erklärungen. Die massiven Sarkophage im Serapeum allerdings geben aufgrund Ihrer riesigen Ausmaße nach wie vor Anlass zu Spekulationen.

Folgt man den allgemein gültigen Definitionen, diente das unweit der Stufenpyramide des Pharaos Djoser gelegene Serapeum der Verehrung der heiligen Apis-Stiere, die in den oberirdisch gelegenen Stallungen gehalten wurden. Nach ihrem Tod einbalsamiert, wurden sie bis zur Zeit Sethos I. (1323 v. Chr. – 1279 v. Chr.) mit reichen Beigaben in Einzelgräbern bestattet. Sethos Sohn Ramses (1303 v. Chr. – 1213 v.Chr.) begann mit dem Ausbau der Gräber zu langen Galerien, an deren Ende sich ein schwarzer Prunksarkophag aus hoch poliertem Granit befand.

Eine epochale Entdeckung

Im frühen 18. Jahrhundert betrat der Franzose Paul Lucas als erster die Anlage. In einer Zeit, als es unter Ägyptern noch normal war, Gegenstände aus Nekropolen zu verkaufen, war er zuvor auf Märkten auf Teile von Stiermumien gestoßen. Genauso wie Auguste Mariette, der 1852 den unter Sanddünen begrabenen Bezirk des Serapeum ausgrub, nachdem ihm Kunstgegenstände in Basaren angeboten wurden. Entlang eines Ganges entdeckte er 28 Grabnischen. In 24 von ihnen stand jeweils ein leerer Granitsarkophag, ein weiterer befand sich in einem Seitengang. Eine epochale Entdeckung, da die Sarkophage heute zu den Größten des Altertums zählen, mit einem Gewicht von schätzungsweise 70 bis 80 Tonnen.

Keine Stierbestattung nachweisbar

Wie so vieles von den Ausgrabungen in Sakkara und im nah gelegenen Gizeh ist es auch hier umstritten, warum die Ägypter sich der Mühe unterzogen, eine Anlage für tonnenschwere Sarkophage zu errichten. Das Material musste aus dem 1000 km entfernten Assuan heran geholt werden, bevor die Sarkophage aus einem einzigen Stück gefertigt und teilweise in den Boden eingemauert wurden. Spuren von Stieren fanden die Forscher um Auguste Mariette schließlich keine, was dem Bestattungsverhalten der Alten Ägypter zu widersprechen scheint. Auch wenn es nachweislich einen Stierkult in Form der Apisverehrung gegeben hat, wurden in den meisten Sarkophagen der Anlage in Sakkara dennoch zweifelsfrei nicht ausschließlich Stiere bestattet.

Alles was Mariette angeblich fand, soll eine bitume, stinkende Masse gewesen sein, die sofort zerbröselte. Seinen Aufzeichnungen zufolge lagen darin statt Stierschädel und größeren Knochen eine Anzahl kleiner, zersplitterter Knochen sowie kleine diverse Figürchen und Amulette. Auch die These, dass die heute leeren Sarkophage einst von Grabräubern geplündert wurden, gilt als unrealistisch, denn der Deckel eines geöffneten Sarkophags war so schwer gewesen, dass er in einer fünfstündigen Aktion mit Spezialwerkzeugen hochgehoben werden musste. Er wog den Angaben zufolge rund 6000 Kilogramm – und damit für die reine Menschenkraft eindeutig zu viel.

Geistiges Zentrum der alten Welt?

Somit ist das Serapeum bis heute ein mysteriöser Ort, der vielen Spekulationen Raum gibt. Unter anderem auch jener, dass Sakkara nicht nur Nekropole war, sondern über viele Jahrtausende zunächst ein geistiges und kulturelles Zentrum der alten Welt. Mit einem legendären Ruf über die Grenzen des Reiches hinaus, der Pilger von weit und fern anlockte. Mitunter alles hinter sich lassend seien sie gekommen, um sich den Schutz und Beistand der Götter zu erkaufen – oder zu verdienen. Auch kamen sie zu gesundheitlichen Kuren bei denen ihnen während des Aufenthalts im Tempel neben einem Arzt ein medial beratender Priester/Schamane/Magier sowie ein Alchemist zur Seite standen. Lassen die klebrige Bitumen-Masse und die Figürchen die Mariette vorfand vielleicht darauf schließen, dass die Ärzte und Heilkundigen jener Zeit ihre Tinkturen und Essenzen für etwaige Medizinen in den heute als Sarkophag bekannten Steintrögen herstellten? Auch wenn die Geheimnisse um die gigantischen Sarkophage des Serapeums bis jetzt nicht wirklich vollständig geklärt werden konnten, können wir gespannt sein, wenn doch eines Tages die ganze Wahrheit über die Riesen-Sarkophage ans Licht kommt.

Rüdiger Lehmann / Fotos: Maik Kunzelmann

https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/die-entdeckung-des-serapeum-100.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Serapeum_(Sakkara)

http://zaunreiter-blog.blogspot.de/2011/01/das-serapeum-von-sakkara.html