Auf den Spuren alter Kulturen und heiliger Städte / Teil 6
von Maik Kunzelmann

Die Zeit, die ich im Tibet House damit verbringe auf Mr. Damdul zu warten, nutze ich mit einem kurzen Besuch in der Bibliothek und im Museum das geschichtsträchtigen Zentrums. Hatte meine Reisebekanntschaft sich mir zunächst in aller Bescheidenheit als Lehrer vorgestellt, erfahre ich, dass Geshe Damdul als Direktor des Tibet House eine wichtige Persönlichkeit in den Strukturen des sich international immer weiter ausbreitenden Buddhismus darstellt.

IMG_3248Bei Tee und Gebäck lasse ich mir im Büro von Mr. Damdul die vielschichtigen Hintergründe des 1965 vom Dalai Lama ins Leben gerufenen Tibet House erklären. Zuvor hat er mir Pooja Dabral vorgestellt, eine Deutschlehrerin, die nach ihrem Studium der deutschen Literatur an der Universität Delhi hier gerade an einer Doktorarbeit arbeitet, die thematisch eng mit dem Tibet House verknüpft ist. Mit ihr spreche ich auf Deutsch über die Vielschichtigkeit indischer Religionen und Philosophien. Auch darüber, dass die Samen des heute als Kultur-, Schulungs- und Philosophiezentrum agierenden Tibet House 1959, im Jahr der politischen Umwälzungen, gelegt wurden. Aus Tibet vertriebene buddhistische Mönche und Meister brachten seinerzeit auf gefährlicher und abenteuerlicher Flucht über den Himalaya eine Vielzahl wertvoller Gegenstände und Bücher von höchst religiöser und kultureller Bedeutung hierher nach New Delhi.

Einmalige Artefakte und Forschungsergebnisse

Nepalese Prayer Wheels on Swayambhunath stupa in Kathmandu, NepaIm Herzen der indischen Hauptstadt gelegen, beherbergt die fünfstöckige Anlage des Tibet House heute ein Museum mit tibetischer Kunst und einer Vielzahl an einmaligen Artefakten sowie eine Bibliothek mit fast 5000 Bänden aus Handschriften und Büchern. Dazu kommen ein Ressourcenzentrum, ein Konferenzsaal, eine Galerie und eine Buchhandlung. Unermüdlich treten Forschungsergebnisse und wichtige Texte aus Übersetzungsprojekten von hier aus ihren Weg in die buddhistische Welt an. Es werden Vorträge gehalten, Konferenzen organisiert sowie Ausstellungen, Filmvorführungen und Festivals durchgeführt. So wie es sich Seine Heiligkeit der Dalai Lama bei der Gründung des Tibet House einst wünschte, konzentrieren sich diese Programme auf die indische und tibetische buddhistische Geschichte, ihre Religion und Philosophie, auf Kunst, Literatur und Kultur. Ein großer Kreis aus Tibetologen und buddhistischen Meistern, Laien und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen zeugen gemeinsam mit Künstlern und sozialen Aktivisten im Tibet House vom lebendigen und sich ständig weiter entwickelnden Erbe des tibetischen Volkes.

Für eine globale universelle Harmonie

VISU_Blog_BücherEine stetig wachsende Zahl von Menschen in aller Welt interessiert sich heute für die buddhistischen Lehren. Schon in den vergangenen Jahrhunderten erfuhr der Buddhismus, während er sich um die Welt verbreitete, immer auch selbst eine Weiterentwicklung, indem er Elemente und Akzente anderer Kulturen in seine Praxis aufnahm. Dem entsprechend verändert sich die buddhistische Lehre aktuell auch durch seine zunehmende Integration in westliche Lebensumstände, die sich vor allem im Wunsch nach Demokratisierung und weniger hierarchischem Gefälle äußert. Es ist nicht der Rückzug von der Welt, sondern eine zunehmende Einbindung in den modern geprägten Alltag, der damit auch die Horizonte des Tibet House weiter expandieren lässt. Längst ist die Aufgabe des Buddhismus heute nicht mehr nur die Bewahrung der Vergangenheit, sondern auch der aktive Beitrag zur Linderung globaler Leiden im Hier und Jetzt. Umwelt-, Friedens- und andere Hilfsprojekte orientieren sich vermehrt an dem, was der Dalai Lama als jene universelle Interdependenz und Notwendigkeit bezeichnet, die ein Gefühl von Harmonie und Mitgefühl als Gegenmittel gegen das Leiden der Welt entwickelt. Als eine Vision mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die Aktivitäten des Tibet House liegt ein Schwerpunkt damit auf der Förderung interkultureller und interreligiöser Dialoge sowie auf der Erforschung der Beziehungen zwischen Wissenschaft und Religion. Es ist die ökologische Verantwortung für einen zerbrechlichen Planeten, die auch aus buddhistischer Sicht die Bemühungen um eine universelle Harmonie maßgeblich prägt.

Fotos: Maik Kunzelmann, i-stock – Mitarbeit: Rüdiger Lehmann

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Ein trauriges Kapitel tibetischer Geschichte: Nach einem Volksaufstand am 10. März 1959 gegen die chinesischen Machthaber muss der Dalai Lama von Lhasa nach Indien fliehen. Dabei sterben zehntausende Tibeter….