Auf den Spuren alter Kulturen und heiliger Städte / Teil 3
von Maik Kunzelmann

Nachdem wir die imposante Architektur des Kashi- Vishvanath-Tempel von außen bestaunt haben, gehen wir mit unzähligen Hindu-Gläubigen ins Innere des Bauwerks, wo farbenprächtige und üppige Opfergaben aus Blumen und Süßigkeiten dargebracht werden. Im Herzen Varanasis gelegen ist der Tempel der höchsten Gottheit Shiva gewidmet. Dem Gott der Gegensätze, der sowohl Leben schenken als auch vernichten darf und damit Varanasi zur heiligsten Stadt des Hinduismus macht.

VISU_Blog_Vishvanath_2Dennoch ist das vor über 3000 Jahren Kashi – Die Stadt des Lichts genannte Varanasi heute nicht nur für Hindus, sondern auch für Buddhisten ein wichtiger Pilgerort. Dies, obwohl einem 80 Prozentanteil indischer Hindus gerade einmal knapp ein Prozent indischer Buddhisten gegenübersteht. Der Grund für die buddhistische Bedeutung Varanasis liegt laut Überlieferung in Buddhas erster Rede als Erleuchteter. Hier in Varanasi erzählte er um 534 v. Chr. von seinen Erkenntnissen, die er unter dem Bodhi-Baum in Bodhgaya gemacht hatte. Und gab damit seine neue Lehre, die ich an späterer Stelle noch eingehender betrachten werde, an seine Anhänger weiter.

Das Heilige Wissen

Da der Hinduismus, wie bereits ausgeführt, keine einheitliche Religion ist, stellt er für die meisten Hindus zunächst einmal eine mit vielfältigen Regeln und Ritualen besetzte Weltanschauung und Lebensart dar. Mit hohem Einfluss auf das alltägliche Leben, sei es bei der Nahrungszubereitung, bei der Arbeit oder auch in Familie und Schule. Das was Hindus als „Sanatana Dharma“, die „Ewige Ordnung“ oder „Ewige Religion“ bezeichnen, basiert aus wissenschaftlicher Sicht in weiten Teilen auf dem heiligen Wissen der „Veden“, einem in einer alten Form des Sanskrit verfassten Schriftkomplex aus der Zeit zwischen 1300 und 1000 v. Chr. Doch schon vor über 5000 Jahren übermittelte die hochentwickelte Zivilisation der Industal-Kultur durch Weitererzählen dieses komplexe Wissen von der Heilung des Körpers über das Anheben des Geistes bis zur Konfliktlösung und dem reichen Ertrag aus der Natur.

VISU_Blog_Varanashi_VedenVerschiedenste Wissensgebiete aus Astronomie, Medizin und Quantenphysik, die westliche Wissenschaftler heute noch erforschen, wurden bereits in den Veden so beschrieben und erklärt, wie sie sich heute zunehmend bei uns belegen lassen. Dennoch stellen die Vedischen Schriften im Hinduismus kein verbindliches heiliges Buch, vergleichbar etwa mit der Bibel im Christentum, dar. Es existieren zahlreiche verschiedene Schriften, nach denen sich unterschiedliche Hindu-Gruppen richten, mit Texten über Götter, magischen Beschwörungen, Ritualen und Liedern, die seit Jahrtausenden verbreitet werden. Bis heute gestaltet die vedische Literatur sich als so umfangreich, dass es selbst Gelehrten, die sich ausschließlich mit dem Studium der vedischen Schriften beschäftigen, schwer fallen dürfte, sie alle im Laufe eines Lebens im Sanskrit-Original zu studieren.

Der Mittelpunkt des Universums

VISU_Blog_Vishvanath_3Es ist erst der zweite Tag meines Besuchs in Varanasi und bereits jetzt bin ich schier erschlagen von den Eindrücken aus Bauwerken, Riten, Symbolen und Menschen, die mir hier in den unterschiedlichsten Ausprägungen auf Schritt und Tritt begegnen. Im Angesicht des rosafarbenen Vishvanath Tempels, mit seinen für uns ungewöhnlich wirkenden Hakenkreuz-Symbolen, erklärt mir mein Freund Bhusan Kumar, dass bei den Millionen Pilgern, die nach Varanasi kommen um spirituellen Frieden zu suchen, das steinerne Shiva-Symbol „Shivalinga“ im Inneren des Tempels mehr im Glaubensfokus steht, als die Ghats und sogar mehr als der Ganges. Der Vishvanath Tempel, der schon von allen bedeutenden indischen Heiligen besucht wurde, ist tief in die Gedankenwelt der Hindus eingebettet und wird als lebende Verkörperung der indischen zeitlosen Kultur und ihrer höchsten spirituellen Werte verstanden. Jeder Hindu sollte mindestens einmal in seinem Leben jenen Ort besucht haben, der ihnen als Mittelpunkt des Universums gilt. Und noch ein weiteres Highlight erwartet uns am Abend des heutigen Tages: Die Einladung zu einem Agnihotra Feuerritual, das ebenfalls schon in den alten Veden erklärt wird und mit seinen heilsamen Energien momentan auch in unseren heimatlichen Gefilden für immer mehr Aufmerksamkeit sorgt.

Fotos: Maik Kunzelmann, i-stock – Mitarbeit: Rüdiger Lehmann

Im nächsten Blog:
Musik, Gesang und Mantras – das Agnihotra Feuerritual am Ufer des Ganges…